[Rezension] „Fuchsteufelsstill“ von Niah Finnik

Ein Roman, den ich erstmal so gar nicht auf den Schirm hatte, der mir dann beim #litnetzwerk aufgefallen ist und der mich von der ersten Seite an für sich gewonnen hat. Mit viel Charme und einer Prise Humor hat mich „Fuchsteufelsstill“ begeistert und wird mich wahrscheinlich so schnell nicht mehr loslassen.


 Inhaltsangabe

Wir begleiten Juli, die 27-Jährige Autistin zu ihren ersten Tagen auf der psychatrischen Station. Nach ihrem gescheitertem Suizidversuch soll sie sich dort mit ihren Ängsten und Sorgen auseinandersetzen. Juli fällt es schwer, mit Gefühlen umzugehen, am liebsten erklärt sie sich die Welt mit Formeln und Zahlen, doch vieles bleibt für sie unerklärbar. Als Juli, die bipolare Sophie und der schizophrene Phillipp einen Mitpatienten tot auffinden, begeben sie sich auf eine Reise und erleben ein mal mehr mal weniger verrücktes Wochenende.

 Meine Meinung

Niah Finniks Debütroman ist anders als man es im ersten Moment erwartet. Kurzzeitig hatte ich Angst es mit einem Buch zutun zu haben, das gespickt ist mit Vorurteilen und Klischees zu psychatrischen Krankheiten. Doch Niah Finnik weiß wovon sie spricht, denn auch sie hat das Asperger-Syndrom. Inwiefern sie sich mit ihrer Protagonistin Juli identifiziert, kann ich nicht sagen, denn wie es so schön in „Fuchsteufelsstill“ heißt:

„Kennst du einen Autisten, kennst du genau einen Autisten.“ S. 171

Juli ist gleichzeitig eine unnahbare und doch erreichbare Protagonistin. Sie sieht die Welt mit ganz anderen Augen, umkreist ihre Gefühle die vor ihr auf dem Boden stehen, nimmt alles wortwörtlich und versteht das Prinzip von Lügen nicht. Sie nimmt ihre Umgebung auf eine völlig andere Weise war, ungefilterter, was es ihr oft schwer macht, sich draußen aufzuhalten. Dort prasseln scheinbar unendlich viele Eindrücke gleichzeitig auf sie ein, Gerüche, Farben, Geräusche. Für Juli wirkt alles viel intensiver und sie braucht ihre Zeit sich mit allem auseinanderzusetzen. Deswegen vertraut sie auf ihre bisherige Routine, um das Gedankenkarussel in ihrem Kopf etwas zu verlangsamen. Aber genau das lässt sie umso ehrlicher und zugänglicher wirken. Sie ist ein bisschen wie ein kleines Kind, nimmt die Dinge wie sie sind, auch wenn sie es nicht nachvollziehen kann. Juli hat keine bösen Absichten dabei, es fällt ihr nur schwer, länger unter Menschen zu sein, da sie vieles nicht versteht. Warum kann man mit seinen Mitarbeitern im Schwimmbad über die Arbeit reden, aber nicht im Bikini zur Arbeit kommen? An einigen Stellen musste ich schmunzeln, denn in manchen Belangen hat Juli gar nicht mal so unrecht damit, dass gesellschaftliche Konventionen zum Teil wirklich seltsam sind.

„Jeder durfte beurteilen, was gleichzeitig bedeutete, dass auch jeder beurteilt wurde. Das war die Angst, bewertet zu werden, und das war das blöde an der Freiheit.“ S. 195

Niah Finniks Schreibstil ist wenig romantisch oder gefühlvoll, aber dafür umso packender und – ich weiß nicht, wie ich es anders ausdrücken soll – klug. Sie arbeitet mit vielen Metaphern und Vergleichen und ich habe mich wirklich gefühlt, als würde ich mit Juli durch die Stadt ziehen und alles so sehen, wie sie es wahrnimmt. Auf eine besondere Art und Weise reißt Niah Finniks Schreibstil einen mit sich und lässt uns den Freiraum über ihre Worte nachzudenken.

„Es ist viel schwerer, jemanden davon zu überzeugen, normal zu sein, als jemanden davon zu überzeugen, dass man verrückt ist.“ S.27

 Fazit

„Fuchsteufelsstill“ ist ein großartiger Debütroman, den man unbedingt gelesen haben sollte. Er bietet uns einen einzigartigen Blick auf die Krankheitsbilder, die in unserer Gesellschaft doch noch mit vielen Vorurteilen belastet sind und zeigt, dass nicht immer alles was normal erscheint, auch tatsächlich normal ist.

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Niah Finnik – Fuchssteufelsstill

Verlag: Ullstein Fünf

Erscheinungsdatum: 07.04.2017

ISBN: 9783961010035

Seiten: 304

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5 Gedanken zu “[Rezension] „Fuchsteufelsstill“ von Niah Finnik

  1. jewi schreibt:

    Hallo Jenny,

    danke für die schöne Rezension! Ich bin auf Fuchsteufelsstill bereits aufmerksam geworden, aber habe es als „könnte ich vielleicht lesen“ verbucht. Es klingt aber definitiv nach einem Buch, was man gelesen haben sollte, wenn man etwas über den Tellerrand blicken will. Ist beim nächsten Einkauf definitiv mit dabei! 🙂

    Viele Grüße,

    Jemima #litnetzwerk

    Gefällt 1 Person

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